Hintergründe zur Einstellung des Straßenbahnbetriebs
© VAG - Thomas Luber
Bei Bitumen handelt es sich um ein Erdölprodukt, das heute unter anderem im Straßenbau eingesetzt wird. Üblicher Straßenasphalt besteht im Wesentlichen aus Bitumen und Gesteinskörnern. In unserem Fall wird Bitumen als Vergussmasse zwischen der Straßenbahnschiene und dem angrenzenden Asphalt verwendet. Das sorgt für eine geschlossene Oberfläche und verhindert, dass Wasser in die Konstruktion eindringt. Unser elastisch gelagertes Gleis, das eine Schallreduzierung ermöglicht, bewegt sich im Millimeterbereich: hier muss die Fuge elastisch die Bewegungen aufnehmen – Sommer wie Winter.
Bitumen reagiert auf Temperatur. Bei Kälte wird es spröde, bei Hitze weich. Je nach Zusammensetzung kann nur ein fester Temperaturbereich abgedeckt werden, bei der das Bitumen im gewünschten festen Zustand verbleibt. Und genau hier liegt das Problem:
In Deutschland kommt es im Winter immer wieder zu Frost, das Bitumen muss also darauf ausgelegt sein, auch bei Minusgraden noch dicht und elastisch zu bleiben. Dementsprechend begrenzt ist jedoch die Höchsttemperatur, bei der die Masse fest bleibt. Während der Hitzewelle vergangene Woche wurden Spitzentemperaturen von bis zu 38 Grad gemessen. Der Asphalt und auch der Bereich um unsere Schienen hat sich noch einmal stärker aufgeheizt, sodass das Bitumen weich und klebrig geworden ist.
Diese klebrige Masse wurde durch die Fahrzeuge aus dem Bereich zwischen Schiene und Fahrbahn herausgezogen. Das hinterlässt nicht nur Rückstände auf den Schienen, sondern auch auf dem Fahrwerk der Straßenbahnen. Durch diese Verunreinigungen ist ein sicherer Betrieb nicht möglich.
Was tun wir dagegen?
Bevor der Betrieb wieder aufgenommen werden kann, müssen sowohl der Gleisbereich als auch die Fahrzeuge aufwendig gereinigt werden. Bei einem Streckennetz von rund 40 Kilometern und allen betroffenen Straßenbahnen nimmt das ohnehin etwas Zeit in Anspruch. Darüber hinaus ist die Reinigung auch mit hohem Aufwand verbunden. Sie erfolgt ausschließlich manuell, da das Bitumen, das bei Abkühlung wieder fest geworden ist, gelöst werden muss. Bei leichten Verunreinigungen genügt dazu ein spezieller Bitumenreiniger. Stärker verschmutze Fahrzeuge werden mit Trockeneis behandelt. Dieses sorgt dafür, dass das Bitumen hart und spröde wird und entfernt werden kann. Bei größeren Materialansammlung im Gleisbereich wird zum Teil auch mit Hitze gearbeitet.
Die Mitarbeitenden aus der Werkstatt und dem Gleisbau sind dazu seit Sonntag durchgängig im Schichtbetrieb im Einsatz. Unterstützung kommt auch durch das Technische Hilfswerk (THW) und beauftragte Fachfirmen. Hand in Hand arbeiten alle gemeinsam daran, die ersten Straßenbahnen testweise wieder auf die Strecke zu schicken und den Betrieb dann schrittweise wieder aufzunehmen. In unserer Bildergalerie geben wir Ihnen einen kleinen Einblick in die Schäden und deren Behebung. In unserem Blogartikel können Sie noch mehr zum Thema nachlesen.
Wie geht es weiter?
Sobald die Strecken gereinigt sind, werden wir die Fugen wieder auffüllen. Somit wird weiterhin gewährleistet, dass eine elastische Verbindung zwischen der Schiene und der Straße besteht. Diese verhindert, dass Wasser eindringen kann und gleicht Bewegungen aus. Zudem wird natürlich geprüft, was es für Alternativen gibt, um solche Vorkommnisse künftig zu vermeiden. Gespräche mit Herstellern haben in den vergangenen Monaten leider kein Ergebnis gebracht. Deshalb ist eine Zusammenarbeit mit der TU Darmstadt geplant. Im Rahmen dieser sollen die komplexen Zusammenhänge zwischen Unter- und Oberbau und den verwendeten Werkstoffen geprüft werden und Lösungen gesucht werden, wie wir künftig besser für extreme Wetterlagen gerüstet sein können.
Der Straßenbahnbetrieb wird nach und nach wieder aufgenommen. Weiterhin sind Ersatzbusse unterwegs. Alle Informationen dazu finden Sie unter vag.de. Dort informieren wir laufend bei Neuerungen. Wir danken Ihnen für Ihre Geduld und Ihr Verständnis!